Familienleben

Ein bisschen Bullerbü? Unsere Reise zum Freilernen

23. Juli 2017
Bulllerbü

Der Beginn unserer Reise

Wieso wollen wir mit dem Wohnmobil quer durch Europa fahren? Mit drei kleinen Kindern auf engstem Raum leben, mit einem Badezimmer, wo ich mich nicht mal gescheit umdrehen kann? Ja, wieso nur? Diese Frage bekommen wir sehr häufig gestellt und meistens entspricht  unsere Standardantwort nicht so ganz der Wahrheit. Wir sagen dann, dass wir Europa ansehen wollen, bevor die Kinder in die Schule kommen. Daraufhin ernten wir meist ein „ja genau, wenn nicht jetzt, wann dann!“ und das Gespräch ist beendet.

Ein bisschen Bullerbü?

Aber der wahre Grund für unsere Reise ist ein ganz anderer. Wir wollen nicht, dass unsere Kinder in die Schule gehen. Das Konzept Schule, wie es hier in Deutschland und fast überall auf der Welt im Moment zu finden ist, entspricht absolut nicht dem, was wir uns für unsere Kinder wünschen. In unseren Augen ist die Schule der Ort, wo Kreativität, selbstständiges, innovatives Denken und Individualität nicht zählen und in gewissem Maße auch unerwünscht sind. Die Kinder bekommen von außen diktiert, was sie wann zu können haben und am besten sollen sie dabei still sitzen und „brav“ sein. Eigene Interessen müssen hinten anstehen, wenn sie nicht gerade zum Lehrplan passen. Und Freizeit ist für viele Schüler aktuell ein Fremdwort. Wenn ich mich an meine eigene Schulzeit zurück erinnere, komme ich zu dem Schluss, dass ich nur für die Klausuren gelernt habe. Auf der Uni hieß es so schön „Bulemielernen“. Nur für die Klausur lernen, alles einmal hinkotzen und dann vergessen. Ich denke, es geht vielen ähnlich wie mir. Doch wo ist da der Sinn hinter? Die Sachen, die für einen wirklich wichtig sind, lernt man gerne und schnell. Sachen, die nur gelernt werden, weil irgendjemand beschlossen hat, dass man das wissen muss. Nun ja, gerne hab ich das nie gemacht und behalten habe ich davon auch nicht viel.

Was wir uns wünschen

Wir wünschen für unsere Kinder etwas anderes und sind so nach einer langen Zeit zu dem Entschluss gekommen, dass wir eine Freilernerfamilie werden. Angefangen hat alles mit dem Film „Alphabet“ und dem Buch „Jedes Kind ist hochbegabt“ von Gerald Hüther und Uli Hauser.

Doch was bedeutet Freilernen für uns?

Freilernen bedeutet, dass man selbstbestimmt und selbstorganisiert, ohne eine Bindung an eine Institution wie Schule, lernt. Kinder haben von klein auf eine Neugier in sich wohnen und wollen lernen. Das Schwerste überhaupt, das Sprechen lernen, schaffen Kinder ohne Zutun und ohne Lehrer, der es ihnen beibringt. Diese intrinsische Motivation zum Lernen und den Spaß daran wollen wir unseren Kindern erhalten und nicht durch Lehrpläne, Schulstunden und Schemata, wo sie gefälligst reinzupassen haben, zerstören. Wir vertrauen darauf, dass unsere Kinder das lernen, was für sie wichtig ist. Das, was in den Augen der Gesellschaft wichtig ist, wie zum Beispiel Lesen und Rechnen, wird eh nebenbei gelernt. Denn die Welt ist voller Zahlen und Buchstaben. Das freie Spiel zum Beispiel ist so unendlich wichtig und Kinder haben kaum noch die Chance dazu. In unseren Augen ist der Weg des Freilernens die logische Konsequenz des „Attachment Parenting“ oder auch dem artgerechten Umgang mit Kindern. Wir sehen in unseren Kindern keine kleinen, unfertigen Wesen, sondern kompetente Menschen, die mit Würde und Respekt zu behandeln sind. Sie sollen selbst, dem Entwickungsstand und Alter entsprechende, Entscheidungen treffen dürfen und ihre natürlichen Bedürfnisse sollen gestillt werden. Wir gehen diesen Weg nicht aufgrund von religiöser Überzeugung (Ich bin Agnostikerin) und auch nicht, weil wir an irgendwelche Verschwörungstheorien glauben, sondern einzig und allein, weil wir die Integrität und die Würde unserer Kinder respektieren. Dass das Freilernen funktioniert, sehen wir jeden Tag an unseren Kindern.

Kann das funktionieren?

Ich möchte euch ein paar Begebenheiten schildern, die uns zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Eines Tages beim Bäcker, wir möchten Knusperkugeln kaufen. Es liegen sechs Stück in der Auslage, wir nehmen drei. Daraufhin sagt Tammo, er ist nun 4,5 Jahre alt, sofort, dann sind ja noch drei für andere Menschen übrig. Oder ich habe ein Induktionsfeld, welches in 8 Sektoren eingeteilt ist. Vier auf jeder Seite. Tammo schaut sich das Feld an und stellt fest: 2 x 4 ist 8, 2 x 2 ist 4. Im Moment interessiert er
sich sehr für Pflanzen und ist täglich mit der Oma im Garten unterwegs. Er weiß inzwischen echt viel über alle möglichen Pflanzen und Kräuter, Anbau von Gemüse, Insekten und Schmetterlinge, einfach alles, was irgendwie mit Garten zu tun hat. Er saugt das Wissen auf wie ein Schwamm.  Und auch so grundlegende Sachen wie seinen Namen schreiben und lesen, bis 20 zählen, Männchen malen, mit der Schere schneiden, sind für ihn kein Problem und alles hat er sich selbst beigebracht, beziehungsweise uns explizit um Hilfe gebeten. Wir drängen ihm nichts auf und lassen ihn einfach machen.
Seine kleine Schwester Lenya, 2,5 Jahre alt, findet Buchstaben gerade sehr interessant und „liest“ sie, wenn sie welche sieht. Im Prinzip erkennt sie das ganze Alphabet, in Groß- und Kleinschreibung, und alle Ziffern. Sie lernt sehr viel von ihrem Bruder und es ist faszinierend die beiden im Spiel zu beobachten. So kann auch sie schon eindeutig den giftigen Fingerhut identifizieren und alle essbaren Pflanzen und Kräuter hier im Garten. Bald wissen die beiden mehr wie ich, was Botanik angeht 🙂 Beide helfen mir regelmäßig in der Küche und können auch schon einfache Gerichte selbst zubereiten oder wissen, wie man Brot backt.
Unsere Aufgabe als Eltern liegt darin, unsere Kinder zu unterstützen und ihnen zu helfen, an die passenden Informationen zu kommen. Wenn wir etwas nicht wissen, ist es unsere Aufgabe jemanden zu finden, der es weiß. Ich nehme da gerne das Beispiel des Imkers zur Verdeutlichung. Wenn meine Kinder wissen möchten, wo Honig herkommt, würde ich einen Imker suchen, der meinen Kindern alles erklären kann, denn ich kann es nicht. Dazu muss ich natürlich in der Lage sein, zuzugeben, dass ich es nicht weiß. Das könnte für manche schwer sein, aber ich finde es nicht schlimm, meinen Kindern zu sagen :“Ich weiß es nicht, wir suchen jemanden, der es weiß“. So lerne ich auch noch eine ganze Menge und das macht einen Riesenspaß.

Wo sollen wir hin?

Doch unser Vorhaben ist in Deutschland und der hier herrschenden Schulpflicht leider nicht möglich. Und auf Auseinandersetzungen mit dem Jugendamt haben wir keine Lust. Deswegen müssen, oder besser gesagt wollen wir auswandern und so uns und unseren Kindern das Freilernen zu ermöglichen. In Europa gibt es einige Länder, in denen unser Vorhaben ohne größeren Aufwand umsetzbar ist. Durch unsere Reise wollen wir nun ein Land finden, in dem wir uns wohl fühlen und in dem wir wirklich leben wollen. Für uns erscheint die Reise mit dem Wohnmobil als einfachste Methode, die Länder anzuschauen und einen Platz für uns zu finden. Wir freuen uns schon sehr auf diese Reise und sind gespannt, wo es uns dann am Ende wirklich hinverschlägt. Die ersten kleineren Reisen haben wir schon hinter uns gebracht. Nächste Woche geht es dann ans entgültige Packen und dann gibt es kein zurück mehr. Ich mache mir schon meine Gedanken, ob
dieser Weg der richtige ist und auf was wir uns da eigentlich einlassen. Ein kleiner Teil von mir wünscht sich dann das klassische Einfamilienhaus mit Garten und die so hoch gepriesene Sicherheit. Doch dann kommen meine Kinder wieder um die Ecke und können wieder was Neues. Wie ihre Namen schreiben oder kleine Matheaufgaben oder auf einen hohen Baum klettern, oder, oder, oder. Einfach so, weil sie es wollen. Nicht, weil sie dafür einen Aufkleberstern bekommen oder es ihnen jemand beigebracht hat. Nein, einfach weil sie es wollen. Und dann höre ich auf zu zweifeln und Angst vor der eigenen Courage zu haben und bin mir sicher, dass unser Weg der für uns Richtige sein wird.

  1. Sehr schön! Sehen wir genauso. Dein Blog ist toll zu lesen. Danke, dass ihr uns an euren Erkenntnissen teilhaben lasst. Freu mich auf mehr!

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